„Meine Großeltern haben in der Geibelstraße gelebt“

Interview mit Ulrike Duffing, Diplom-Religionspädagogin, Koordinatorin und Leiterin der Geschäftsstelle vom Haus der Religionen – Zentrum für interreligiöse und interkulturelle Bildung.

Sie sind im Haus der Religionen Ansprechpartnerin für Führungen, religionspädagogische Angebote, Fortbildungen, Exkursionen zu Religionsgemeinschaften, Beratung zu Fragen des interreligiösen Dialogs. Wie sind Sie zu dieser Aufgabe gekommen?
Nach meiner Ausbildung zur Erzieherin und dem Studium der Religionspädagogik habe ich mehr als 30 Jahre in unterschiedlichen Arbeitsbereichen in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers gearbeitet. Nach einer Vakanzvertretung als Diakonin und Kirchenpädagogin in der Marktkirche wurde ich gefragt, ob ich diese Stelle hier übernehmen möchte. Das war im Jahr 2013. Für diese Leitungsaufgabe ist es wichtig, die eigene Religion gut zu kennen, in ihr zu Hause zu sein und auch zu glauben.

Sind Sie gebürtige Südstädterin?
Nein, aber meine Großeltern haben in der Geibelstraße gelebt und haben später in Kleefeld gebaut, weil sie ein Geschäft eröffnen wollten. Ich bin Lokalpatriotin und mag Hannover sehr gern. Unser Haus ist ein großes Glück, denn meine Großmutter hat die Familie und das Geld immer zusammengehalten. Als Trümmerfrau hat sie geholfen, die Stadt wiederaufzubauen. Sie hat ein Kaiserreich und zwei Weltkriege erlebt. Stets sagte sie, dass ich als Frau auf beiden Beinen stehen muss und wenn mir etwas nicht gefällt, soll ich in das Rathaus zum Oberbürgermeister gehen und mich beschweren. Weil sie so viel erlebt hat, nach Krieg und Leid auch Demokratie und Wiederaufbau, war sie sehr religiös. Sie hat mir Offenheit, Souveränität, Toleranz und Respekt für andere vermittelt. Damals nach dem Krieg wohnten auch sehr viele Flüchtlinge in ihrem Haus.

Wie viele Religionen sind hier vertreten? Wie sieht Ihr Jahresprogramm aus?
Zurzeit kann man sich in unserer Ausstellung über sechs Religionen informieren, das sind die Bahai, Buddhisten, Hindus, Juden, Muslime und Christen. Drei weitere kommen noch hinzu, denn wir sind außerschulischer Lernort hier im Stadtteil. Viele Schulen besuchen uns regelmäßig am Vormittag im Rahmen des Religionsunterrichts. Im Fach Werte und Normen geht es aber auch um Weltanschauungsgemeinschaften. Ebenso wird gefragt, wie sich Menschen ohne Religion orientieren. Daher sind in Zukunft in unserer neuen Dauerausstellung auch die Humanisten neben Eziden und Aleviten zu sehen. Das reguläre Jahresprogramm umfasst vier bis fünf Veranstaltungsreihen wie 2019 „Religionen laden ein“, „Mehr als fünf Säulen tragen den Islam“, „Frieden in unserer Hand“ und „Natur- und Umweltschutz in den Religionen“. Als Bildungshaus bieten wir aber auch Fortbildungen, Diskussionsforen und aktuelle Buchvorstellungen an.

Mit welcher Religion feiern Sie am liebsten religiöse Feste und warum?
Alle Religionen sind sehr gastfreundlich und laden oft zu ihren Feiertagen und Festen ein. Als Christin bin ich besonders von den jüdischen Einladungen begeistert. Haben Sie schon einmal an einem jüdischen Fest teilgenommen? Da ist richtig was los, es wird gegessen, getrunken, gelacht und getanzt – bis sich „die Balken biegen“! Unsere jüdischen Religionsgemeinschaften in Hannover laden auch jedes Jahr zu Chanukka (Lichterfest) auf den Opernplatz ein. Da kommen Ministerpräsident und Oberbürgermeister, aber auch viele Kinder und Jugendliche, die sich gegenseitig beschenken, singen und tanzen. Gehen Sie da unbedingt mal hin … eine sprühende Atmosphäre …

Was ist bisher Ihre prägendste Zeit?
Durch meine berufliche Tätigkeit in der Kirche hatte ich ab 1995 das Glück, die Weltausstellung EXPO 2000 mit auf den Weg zu bringen. Erst ein Jahr vor Beginn der Großveranstaltung haben wir das Veranstaltungsprogramm für den Ökumenischen Christuspavillon konzipiert. Als es im Juni 2000 losging, verlangten die Menschen plötzlich nach einer EXPO-Kirche. Die Concorde war abgestürzt, Mitarbeiter des Nachbarpavillons starben, das russische U-Boot „Kursk“ ging unter und neben all der Trauer wollten die Menschen auf der Weltausstellung heiraten und ihre Kinder taufen lassen. Wir haben sofort reagiert und gespürt, wie wichtig ein religiöser Ort auf dem Gelände ist. 153 Tage gefüllt mit berührenden und überwältigenden Veranstaltungen vom spirituellen „Licht der Welt“ bis zur gestapelten Landschaft mit Piroggen-Duft. Für mich waren die Erfahrungen mit all den kulturellen und religiösen Highlights, die wunderbare Weltgemeinschaft vor der Haustür wie „der Anbruch des Reiches Gottes auf Erden“.

Was ist Ihr Ziel?
Wir Menschen sollten einander besser zuhören. Lernen, sich selbst ein wenig mehr zurückzunehmen und neu wahrnehmen, was Respekt bedeutet. Viele leben abgeschottet, reden nicht auf Augenhöhe, wissen gar nicht, in welch priviligierter Situation sie in unserem Land leben. Wir hatten damals kluge Mütter und Väter, die uns ein beeindruckendes Grundgesetz geschaffen haben. Wissen wir noch zu schätzen, was eine Demokratie ist? Wir haben uns im Haus der Religionen Regeln gegeben, eine Grundordnung, die auf diesem großartigen Fundament steht. Die möchte ich den Menschen, die täglich zu uns kommen, vermitteln: mit dem Ziel, dass sie spüren, wie einzigartig und frei jeder Mensch bei uns leben kann – in Frieden!

Wie lautet die Grundordnung des Rates und Forums der Religionen Hannover?
Sich zu Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit und Gleichberechtigung von Mann und Frau bekennen. Eintreten für eine Haltung des Respekts, des Interesses und der Achtung des anderen. Sich für den interreligiösen Dialog engagieren, weil wir davon überzeugt sind, dass der Mensch in der Lage ist, Vorurteile und Rivalitäten zu überwinden, das gegenseitige Verstehen zu vertiefen und das friedliche Miteinander zu fördern.