Peter (links) und Wolfgang Piontek sind ein eingespieltes Team.

„Hier ist alles zu finden – vom Sprengel-Museum bis zum Klecks-Theater“

Die Gründungsväter der Eisfabrik leben seit mehr als 30 Jahren in der Südstadt und lieben ihren „Kiez“

Ein Montagabend in der Eisfabrik: Das Theaterensemble Commedia Futura probt. Auf dem Programm steht „Endless Poetry“, ein multimediales Stück, in dem es um die Loslösung des Sohnes vom Vater geht. Die Chorstimmen müssen noch besser aufeinander abgestimmt werden, die Gruppe wiederholt den Text, doch es hakt noch. Der Regisseur Wolfgang Piontek will am nächsten Tag weitermachen. „Morgen machen wir Monster“, sagt er und verabschiedet sich mit seinem Bruder Peter Piontek, Autor und Dramaturg, vom Team. Die Pionteks sind die Begründer der heutigen Eisfabrik als Kulturinstitution. Auf dem 5000 Quadratmeter großen Gelände finden sich zwei Theatersäle, Kunsthallen sowie Ateliers und Musikräume. 25 Menschen aus der Kreativbranche leben und arbeiten dort mittlerweile. Errichtet wurde das Gebäude Ende des 19. Jahrhunderts von der Germania Brauerei. 1917 gründete sich auf dem Areal die Hannoversche Eishaus- und Waren-Einkaufs-Gesellschaft mbH, die dort bis 1965 Klareis produzierte, bevor Künstler Ende der 70er-Jahre den ruinenhaften Komplex für sich entdeckten. Einer von ihnen war Wolfgang Piontek, der Kunst studierte und 1987 mit seinem neu gegründeten Ensemble Commedia Futura in der Eisfabrik sesshaft wurde.

Sein Bruder Peter stieß einige Jahre später dazu: Er hängte seinen Beruf als Lokalredakteur einer schleswig-holsteinischen Tageszeitung an den Nagel, um die Pressearbeit des Projekts zu verbessern. Für die Commedia Futura waren die 90er-Jahre eine wilde und produktive Zeit. Theaterkritiker bejubelten die Stücke der Gruppe, und auf dem Gelände der Eisfabrik entstanden parallel zu den Spiel- und Werkstätten Wohnungen. Es wurde renoviert und saniert, bis der Trägerverein Eisfabrik e. V. Ende des Jahrzehnts mit Unterstützung der Stadt und des Landes das Gelände erwerben konnte. Dass der Start vor mehr als 30 Jahren so gut gelingen konnte, führen die beiden Mittsechziger auch auf die gute Förderung zurück.

Mit zusätzlichen Darlehen und viel Eigeninitiative habe die Sache so gelingen können. „Der Ort ist magisch, das haben wir früh erkannt“, sagt Wolfgang Piontek. Auch habe eine gute Vernetzung mit internationalen Künstlern dazu beigetragen, die Eisfabrik bekannt zu machen. Die positive Entwicklung dauert an: Seit 2014 ist in der Blauen Halle die GAF (Galerie für Fotografie) beheimatet. Und neben der Commedia Futura wurden zwei weitere Theatergruppen gegründet: Landerer & Company, das Tanztheater des bekannten Choreografen Felix Landerer, und die Nachwuchstruppe Gören & Rabauken. Zum Vorstand des Vereins gehören neben den Pionteks Maria Klemt und der renommierte Fotograf Ralf Mohr, der ebenfalls zu den Pionieren der Szene zählt. Die Geschäfte führen die Pionteks, die sich ihre Aufgaben in jeder Hinsicht brüderlich teilen. „Wir sind Family“, so Wolfgang Piontek – in guten wie in schlechten Zeiten.

Die gebürtigen Lübecker haben ihre Entscheidung, in der Südstadt sesshaft zu werden, nie bereut. Der Stadtteil sei „heiß“, findet Wolfgang Piontek, zum Beispiel in Hinblick auf Hannover als Kulturhauptstadt. „Hier ist alles zu finden – vom Sprengel-Museum bis zum Klecks-Theater. Das Viertel boomt. Die Jungen ziehen hier her. Und 96 und das Maschseefest sind um die Ecke.“ Auch den besten Wochenmarkt der Stadt gäbe es in der Südstadt – auf dem Stephansplatz, wo die Brüder ihre Zeit gern am Kaffeestand verbringen.

„Das ist unser Kiez“, sagt Wolfgang Piontek und schwärmt von dem neuen portugiesischen Café Lisboa, dem Olivenfachgeschäft Elea und dem vegetarischen Restaurant Hiller an der Grenze zur Südstadt. Auch Peter Piontek glaubt, dass das Viertel boomt: „Das merkt man daran, dass man abends, wenn man essen gehen will, nichts findet.“ Heutzutage sei vom viel zitierten „Margarine-Viertel für Angestellte“ keine Rede mehr, so Wolfgang Piontek, dessen drei Kinder wie die beiden seines Bruders auf dem Gelände der Eisfabrik groß geworden sind.